Blüte der japanischen Zierkirsche im Frühling

Kirschblüte in Kassel

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Kassel

Während es in Städten wie Bonn ganze Alleen mit Kirschbäumen gibt, die umrahmt von gepflegten Altbauten im Frühling zart rosa blühen und Touristenströme ebenso stark anziehen wie die ersten hungrigen Insekten, erwachen auch in Kassel Frühlingsgefühle, wenn die Zierkirsche ihre Blüten öffnet.

Blüte der japanischen Zierkirsche

Blüte der japanischen Zierkirsche

Denn auch wir haben in Kassel einen kleinen Bereich, der in der zweiten Märzhälfte ein echter Hingucker ist, natürlich nicht so beeindruckend wie die Allee in der Bonner Heerstraße, dafür klein aber fein: am Verbindungsstück zwischen dem Friedrichsplatz in der Innenstadt und dem Eingang der Karlsaue verzaubert die Kirschblüte für ein paar Tage die Gustav-Mahler-Treppe.

Ein Vorhang aus Kirschblüten im Sonnenlicht

Ein Vorhang aus Kirschblüten im Sonnenlicht

Béton Brut

Die Treppe selbst ist mit ihren über 100 Stufen, großen Zwischenplateaus und Sitzbänken den größten Teil des Jahres eher unauffällig, eben ein viel genutztes Stück der Innenstadt, auf dem Menschen hin- und hereilen und ihrem Alltag nachgehen. Erbaut wurde sie in den 60er Jahren aus schmucklosem Waschbeton und in ihrer heutigen Version anlässlich der Kunstausstellung documenta 1964 eröffnet. Die Geschichte der Treppe ist eng verbunden mit dem Wiederaufbau der Stadt nach ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, denn sie wurde, wie auch der daneben liegende Rosenhang, auf Trümmerteilen errichtet. Der Rosenhang und die Treppe stehen mittlerweile unter Denkmalschutz.

Der funktionale Baustil mit dem sichtbaren Beton nennt sich übrigens Brutalismus, was brutaler klingt als es in Wirklichkeit ist. Denn auch wenn Bauwerke aus dieser Zeit häufig als Bausünden bezeichnet werden, haben sie ihren eigenen, rohen Charme, der sie besonders macht.

Die Kasseler Treppe war trotz hoher Frequentierung durch Passanten viele Jahre ein eher achtlos behandelter Teil der Stadt, lange waren die Stufen in schlechtem Zustand, da sie auf ihrem Untergrund wackelten oder ganz kaputt gingen. Den Winter über wies ein Schild, das an einer sehr niedrigen Kette angebracht war, auf die Sperrung der Treppe hin, da auf ihren Stufen keine Räumung erfolgte. Das Schild hing auch, wenn längst frühlingshafte Temperaturen herrschten, man weiß ja nie—als Kasselerin ist man von diesem Schild entweder wenig beeindruckt oder man nutzt zum Beispiel die Spazierwege des nahegelegenen Rosenhangs, um von der schönen Aussicht hinab in die Tiefenlagen der Karlsaue zu steigen.

Als schließlich Baumaschinen anrollten und rot-weißes Flatterband die Treppe auch außerhalb des Winters für die Öffentlichkeit absperrte, sah ich die Kirschbäume schon der Säge zum Opfer fallen. Doch nach Abschluss der umfangreichen Sanierung im Sommer 2022 waren die Treppenstufen im Sinne des nachhaltigen Bauens liebevoll zurück in ihren originalen Zustand versetzt. Lockere Teile wurden befestigt und zerbrochenes neu gegossen, es gibt nun sogar ein beleuchtetes Geländer—welches im Dunkeln unaufdringlich aber praktisch zur Geltung kommt—und das beste: kein Kirschbaum wurde beschädigt.

Ein Frühlingsmorgen

Höchste Zeit also, der Treppe mal wieder einen Frühlingsbesuch abzustatten, das Schild, das bei angekündigten 17 Grad schon fast auf den Boden gesunken ist und dennoch wie eine beleidigte Leberwurst auf den fehlenden Winterdienst hinweist, hängt auch heute, dazu singt und zwitschert es aus den Bäumen, die in einer Flut aus rosa Blüten aufwarten. Die Bäume geben den großen breiten Stufen den perfekten Rahmen, und der Gegensatz zwischen den üppigen, zart rosa Blütenkelchen zum rohen grau-bräunlich gefärbten Beton könnte größer nicht sein, noch dazu schaut je nach Standpunkt auf der Treppe zwischen dem Blütenmeer die Orangerie in sanftem Gelb hindurch.

Gustav-Mahler-Treppe in Kassel im Frühling

Gustav-Mahler-Treppe in Kassel im Frühling

Blühende Kirschbäume an Sichtbeton

Blühende Kirschbäume an Sichtbeton

Bereits am frühen Morgen gibt es kaum Passanten, die nicht auf ihrem Weg über die Stufen kurz stehen bleiben, die Blütenpracht bestaunen und das ein oder andere Foto machen. Wer kann diesem Anblick schon widerstehen, wenn die ersten Sonnenstrahlen direkt in das Blütenmeer hineinfallen und der Zierkirsche goldenen Glanz verleihen!

Morgenstimmung während der Kirschblütenzeit

Morgenstimmung während der Kirschblütenzeit

Je nach Wetter hält die Blüte der japanischen Zierkirsche gute zehn Tage, bei viel Wind und Regen können es auch weniger sein. Viel zu schnell ist die Zeit immer vorbei und dann hat die Treppe wieder ihren Sichtbeton-Charme, für den kaum jemand stehen bleibt und erfüllt ihre Kernaufgabe als Treppe ohne großen Schnickschnack—bis sie sich im nächsten Frühling erneut in ein kleines, feines Schmuckstück verwandelt.

Blick auf die Orangerie im Frühling

Blick auf die Orangerie im Frühling

Fotospot Blütezeit Park

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Kathinka
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Kathinka

Lebt im grünen Nordhessen, weil es dort so schön ist. Hat als studierte Germanistin in langjähriger Arbeit in der Informatik Nerdwissen Deluxe gesammelt. Mag Matsch und Schlamm genauso gern wie einen bunten Sonnenaufgang, steht für beides auch mal mitten in der Nacht auf und findet, dass es generell nie genug Bilder von Bäumen im Nebel geben kann.

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